Kult der Originalität

My Cult of Originality essay gets a German translation, courtesy of Thomas Leske.
Creation of Adam

Ein kleiner illustrierter Aufsatz von Nina Paley. Sie lesen weiter.

I. AUS DEM NICHTS

Oft muss ich mir anhören:
MICHAELANGELO WAR EIN GENIE! Ein einzigartiger Künstler! Total originell!

Ist es nur ein eigenartiger Zufall, dass seine Werke im Europa des sechzehnten Jahrhunderts erschienen

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statt im alten Ägypten, in Sumer oder in der Höhle von Lascaux?

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Wie “originell” war Michaelangelo? Er benutzte die Sprache und Technik seiner Zeit. Er nahm Ideen auf, die seine Nachbarn ihm weitergaben. Er schöpfte nicht aus dem Nichts.

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II. TÜRSTEHER

Unter unserem glorreichen System kommerzieller Inhalte, reagieren Türsteher (Medienvorstände) folgendermaßen auf einen ansatzweise “originellen” Einfall:

Welche Stimmen, welche Genies sind uns im zwanzigsten Jahrhundert dank dieses Systems verloren gegangen!?

Im herkömmlichen Mediengeschäft konkurrieren Künstler um das Geld und die Aufmerksamkeit der Führungskräfte, welche Produktion und Vermarktung steuern. Also beliefern Künstler Führungskräfte. Führungskräfte sind ihr Publikum. Werke, die einer handvoll Führungskräften gefallen, werden finanziert und sind das, was wir zu sehen bekommen. Wenn etwas im Fernsehen läuft, dann aus dem Grund, dass irgendein Programmdirektor es mochte, nicht weil Sie es mochten.

Freier Inhalt wirbt ebenfalls um sein Publikum, und der Wettbewerb ist hart. Glücklicherweise kann sogar ein kleines Publikum (oder eine Einzelperson) ein Werk unterstützten, so dass eigenwillige fantasievolle Kunst viel mehr Raum bekommt. Im Unterschied dazu zielen Vorstände großer Medienhäuser auf eine möglichst breite Vermarktung und damit auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Am wichtigsten ist, dass freie Kunstwerke um Ihre Aufmerksamkeit werben – nicht die der Vorstände.

Es gibt immer noch Türsteher, aber freie Inhalte laufen an ihnen vorbei.

III. WAS IST ORIGINELL?

Nichts ist originell. Damit ein Werk eine Bedeutung hat, muss es eine Sprache gebrauchen und “Sinn” ergeben. Es muss mit Memen arbeiten, die bereits im Geist verankert sind: Sprache, Bilder, Melodien, Muster. Es kann nicht vollkommen originell sein. Überhaupt kann es kaum originell sein.

Sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde. Die meisten von ihnen sehen vertraut aus, weil Menschen überwiegend gleichartige Kopien sind, anderenfalls wären wir keine Menschen. Ein Mensch mit einem gewundenen Gehäuse und einem schleimigen, schneckenartigen Körper wäre, nach menschlichem Urteil, sehr originell. Er wäre aber auch nicht menschlich.

IV. OFFENSICHTLICHKEIT

In Impro, einem meiner Lieblingsbücher (Bitte lesen Sie es!), schreibt Keith Johnstone, dass Schauspieler im Improvisationstheater scheitern, wenn sie versuchen originell zu sein. “Sei nicht originell; tue das offensichtlich Naheliegende.” Wenn Sie das Offensichtliche sagen, erscheinen Sie originell. Widersinnig, oder? Gefühle, Erfahrungen und Geschichten erscheinen,
je spezieller sie sind, nur um so allgegenwärtiger.

Der springende Punkt ist, dass Ihnen etwas offensichlich vorkommt, was anderen nicht offensichlich ist. Viele Leute können von genau dieselben Begebenheit erzählen, aber falls jeder von seinem eigenen Standpunkt spricht, wird jede Geschichte “originell” erscheinen.

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Beispielsweise sehen Zuschauer völlig verschiedene Filme während sie meinen Film Sita Sings the Blues ansehen.
Hindu-Fundamentalisten sehen ein hindu-feindliches Schandwerk. Christliche Fundamentalisten sehen das “Wort der Hindu” verbreitet, wo ihrer Ansicht nach das “Wort Christi” verbreitet werden sollte.

Wahrnehmung ist schöpferisch. Nicht absichtlich und bewusst – wir fordern Leute nicht auf “originell” zu sein, während sie ein Werk auf sich wirken lassen – aber tatsächlich liegt der Großteil der Originalität in dieser Wahrnehmung. Wir wissen nicht genau, was uns einzigartig macht, aber wissen, dass zwei Objekte nicht zur selben Zeit denselben Platz einnehmen können. Das bedeutet, dass keine zwei Menschen genau den gleichen Standpunkt haben (und auch nicht die gleiche Vergangenheit).

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Haben Sie sich schon mal gestritten? Was Ihnen offensichtlich erscheint, leuchtet ihrem Gegenüber nicht ein, wodurch Ihr Argument “orginell” aussieht. Oder “dumm”.

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So viel verschiedene Standpunkte! In der Welt wimmelt es von Orginalität. Kunst ist die wundersame Weitervermittlung eines einzigartigen Standpunkts. Menschen halten für gewöhnlich an ihrem eigenen Standpunkt fest und lehnen den der anderen als dumm oder verrückt ab. Aber ein gelungenes Kunstwerk überbrückt auf wundersame Weise diese Kluft, und statt den anderen abzulehnen, nimmt das Publikum ihn an – ja liebt ihn manchmal sogar.

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Die Problemstellung für einen Künstler besteht darin, Ideen zu nehmen, die andere als dumm bezeichnen, und sie dennoch zu äußern. Je origineller die Idee, desto so mehr Leute werden sie als dumm bezeichnen, und um so mehr muss sich der Künstler überwinden, sie dennoch ins Dasein zu lieben.

Die meisten “originellen” Ideen sind schon in der Welt und werden verachtet. Wer nimmt sich vor, eine Idee zu äußern, die andere schon als dumm bezeichnet haben? Alle neuen Ideen werden anfänglich abgelehnt. Künstler päppeln lediglich solche verlorenen unterdrückten Meme auf, die sonst niemand liebt.

Vielleicht bietet ein Künstler einem Mem eine Heimat, von dem sich sonst jeder abwendet. Er füttert und pflegt es. Es erreicht seinen Geist als eine Spore des Zeitgeists; er bringt es gar nicht selbst hervor. Die Idee liegt in der Luft, aber die meisten lehnen sie ab, können sie nicht füttern, oder bieten ihr keinen fruchtbaren Boden zum Wurzeln schlagen. Aus irgendeinem Grund tut es ein Künstler. Er erlaubt es ihr, Früchte zu tragen und Samen freizusetzen. Und dann wird er als “originell” gepriesen.

VORHER:

NACHHER:

Was ist also originell?
Wir können nicht wissen, was originell ist. Wir können nur wissen, was aufrichtig ist.

V. AUFRICHTIGKEIT

Für mich gilt, dass wenn etwas offensichtlich und wahr erscheint, aber sich dies außerhalb von mir nicht niederschlägt, dann versuche ich, es zu äußern. Wenn ich merke, dass ich viel streite, ärgerlich werde und andere ärgere, wo ich doch nur die offensichtliche Wahrheit sage, dann ahne ich – egal für welchen Gedanken ich mich ausspreche – dass dieser besser in Kunst ausgedrückt werden sollte.
Bei meinen erfolgreichsten “originellen” Kunstwerken handelte es sich stets um Ideen, die ich mit anderen bis zur Erschöpfung diskutiert hatte (Erschöpfend für die anderen, weil sie nicht erkennen konnten, was ich sah, und die Entwürfe im Gespräch ablehnten). Doch egal, wie sehr andere darauf beharrten, jene Ideen seien dumm oder verrückt oder Zeitverschwendung, die Ideen drängten sich mir fortwährend als wahr auf. Ich bräuchte ihnen keine Stimme geben, könnte ich sie außerhalb von mir hören.

Meine Gedanken zur freien Kultur sind nicht originell, sie sind nur nicht populär – noch nicht. Sie liegen im Moment in der Luft, und ich äußere sie, weil einer sie äußern muss.

Viele haben versucht mir diese Gedanken auszureden, indem sie eine Wirklichkeit beschreiben, die nicht mit meiner Wahrnehmung übereinstimmt. Ich will mich einfügen; ich will auf demselben Planeten leben, wie jeder andere. Aber manche Wahrheiten verschwinden nicht, egal wie sehr andere mir erzählen, es gebe sie nicht.

Ich schreibe dies nicht um “originell” zu sein, sondern um mitzuteilen, was mir als wahr erscheint. Ich teile einen Gedanken, weil ich einsam bin. Je weniger meine Wirklichkeit sich widerspiegelt, um so einsamer werde ich. Ich will “meine Leute” finden, Leute, die verstehen können, was ich verstehe, die wissen, was ich weiß. Weil Steit ermüdet. Und es stellt sich raus, dass viele, die mit mir streiten, tatsächlich verstehen, was ich verstehe, und wissen, was ich weiß; es ist ihnen nur noch nicht bewußt. Kunst gibt anderen Gelegenheit zu verstehen, wie die Wirklichkeit auf sie zurück spiegelt, und wenn sie die Kunst begreifen – wenn diese widerspiegelt, was sie bereits wissen – werden sie sie lieben.
Wirklich gelungene Kunst drückt aus, was wir bereits wissen, uns aber nicht bewusst war. Kunst gibt Gedanken, die wir teilen, eine Sprache. Wenn Sprache einmal da ist, kann sie sich verbreiten und wachsen, und man kann auf ihr aufbauen. Kunst ist Ideen nützlich. Sie verkörpert jene – gibt ihnen eine Gestalt, stellt sie auf eigene Füße.

NACHWORT

Wie wichtig ist es, etwas zu sagen, dass noch niemand zuvor gesagt hat? Nicht besonders. Die wichtigsten menschlichen Mitteilungen sind die ältesten und am wenigsten originellen. Manche Dinge müssen immer wieder gesagt werden; wir werden ihrer nie überdrüssig, weil wir sie nie ganz erlernen. Ich glaube, dass jede menschliche Mitteilung auf die eine hinausläuft, die nicht oft genug gesagt werden kann: Ich liebe dich.

Aus diesem Grund gehen Leute ins Museum oder ins Lichtspielhaus oder ins Theater oder in Konzerthallen, Kirchen und Tempel, in Aschrams und Moscheen oder in Selbsthilfegruppen. Wir müssen es immer wieder hören. Mit etwas Glück verstehen wir es für wenige Sekunden oder nur für Sekundenbruchteile. Dann wiederholen wir es für andere und müssen es wieder hören.

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Uns kümmert nicht, ob es “originell” ist. Wir wollen nur, dass es aufrichtig ist.

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